Guatemala: Vida Guatemala in San Miguel Dueñas

bild_guatemala_vida_project_header.jpg

Vida Guatemala vergibt Stipendien an Kinder und Jugendliche aus benachteiligten Verhältnissen und eröffnet ihnen den Zugang zu einer staatlich anerkannten Ausbildung. Ein Viertel der Schülerinnen und Schüler lebt mit einer Behinderung. Fächer mit viel Praxisbezug ergänzen den offiziellen Lehrplan und vermitteln nützliche Fähigkeiten für den Alltag. Vom Kindergarten bis zur Sekundarschule bereitet der inklusive Unterricht die jungen Menschen gezielt auf ein selbstbestimmtes Leben vor.

Eckdaten des Projekts

Adresse

Vida Guatemala
San Miguel Dueñas
Sacatepéquez, Guatemala
Telefon: +502 5184 4000

Eröffnung

2012

Leitung

Oscar Daniel Chan, Direktor
unterstützt von einer Assistentin und 13 Lehr-, Betreuungs- und Hilfspersonen

Begünstigte
  • über 120 Schülerinnen und Schüler im Alter von 4 bis 15 Jahren
  • ein Viertel der Kinder und Jugendlichen lebt mit einer körperlichen oder kognitiven Behinderung
Infrastruktur
  • Projektzentrum auf eigenem Grundstück mit Klassenzimmern für die Vor-, Primar- und Sekundarstufe
  • Raum mit Trinkwasseraufbereitungsanlage
  • Gartenbereich
  • Computerraum
  • Sportplatz (im Bau)
Ausbildung und Betreuung
  • inklusive Vor-, Primar- und Sekundarschule für Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderung
  • staatliche Anerkennung der Schulabschlüsse
  • Unterricht in kleinen Klassen, praxisorientierte Lerninhalte
  • angepasster Unterricht und spezialisierte Unterstützung für Kinder und Jugendliche mit Behinderung
  • Hausbesuche zur Begleitung der Familien und zur Förderung der schulischen Entwicklung
Projektkosten EEF

CHF 48'000.– (2026)

Projektdauer

EEF-Unterstützung seit 2025

Projektziel

Qualitativ gute, inklusive Bildung für Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderung aus allen sozialen Schichten, um ihre Kompetenzen zu stärken und ihnen ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen

Das Projekt

Ausgangslage

Guatemala ist das bevölkerungsreichste Land Zentralamerikas und zählt trotz eines vergleichsweise hohen Wirtschaftswachstums zu den ungleichsten Gesellschaften der Welt. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt in Armut, überproportional betroffen sind die indigenen Bevölkerungsgruppen. Die Investitionen in den Bildungssektor sind gering: Überfüllte Klassenzimmer, fehlende frühkindliche Förderung und hohe Abbrecherquoten prägen das Bildungssystem. Zwar sind 85 Prozent der Kinder im Primarschulalter eingeschult, doch schreibt sich nur knapp die Hälfte der Zwölfjährigen anschliessend für eine Sekundarschule ein. Jugendliche aus ärmsten Verhältnissen müssen häufig arbeiten und brechen die Schule vorzeitig ab. Ohne Aussicht auf eine qualifizierte Arbeit sind sie gefährdet, in Armut zu verharren oder in Kriminalität abzugleiten.

Besonders schwierig ist die Lage für Kinder und Jugendliche mit einer Behinderung. Obwohl Guatemala die UN-Behindertenrechtskonvention ratifiziert hat, bleibt die praktische Umsetzung schwach. Die wenigen staatlichen Zentren, die eine barrierefreie Ausbildung mit Sonderpädagogik anbieten, befinden sich vorwiegend in der Hauptstadt. Von über 209'000 schulpflichtigen Kindern mit Behinderung erhielten 2024 lediglich 19'600 eine entsprechende Unterstützung, was einer Abdeckung von nur 9,4 Prozent entspricht. In ländlichen Gemeinden und Kleinstädten wie San Miguel Dueñas, 50 km von Guatemala-Stadt entfernt, werden Kinder mit Behinderung von regulären Schulen weitgehend ausgeschlossen und erhalten kaum Förderung.

In dieser Lücke setzt Vida Guatemala an. Als einzige Schule in der Region nimmt sie Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderung gemeinsam auf, ermöglicht durch Stipendien auch Kindern aus mittellosen Verhältnissen den Schulbesuch und bereitet alle Schülerinnen und Schüler mit praxisnahen Fächern gezielt auf ihre Zukunft vor.

Projektverlauf

Die Wurzeln von Vida Guatemala reichen zurück in den Dueñas-Park, wo sich die langjährigen Freunde Oscar Daniel Chan und Oliver Porón regelmässig begegneten. Eines Tages kamen die beiden auf die Bildungsdefizite in ihrer Gemeinde zu sprechen, insbesondere für Kinder mit einer Behinderung, die von den lokalen Schulen nicht aufgenommen wurden. Nach einer Begegnung mit Eltern, die vergeblich eine geeignete Schule für ihre Kinder gesucht hatten, beschlossen die beiden kurzerhand, selbst eine zu gründen. Oscar Daniel Chan hatte an der Universität studiert; Oliver Porón war Mathematiklehrer und Hobbymusiker. 2012 mieteten sie einen kleinen Raum und begannen mit dem Unterricht für Kinder mit verschiedenen Behinderungen wie dem Down-Syndrom oder Zerebralparese.

Bald zeigte sich: Auch Geschwister der Kinder mit Behinderung blieben während des Unterrichts vor Ort, was den Bedarf nach einem breiteren Angebot deutlich machte. So entstand die Vision einer inklusiven Schule, in der alle Kinder gemeinsam lernen. 2012 gründeten die beiden Initiatoren die NGO Vida Guatemala, 2018 folgte die offizielle Registrierung der Schule unter dem Namen Síndrome de Amor mit staatlich anerkannter Unterrichtserlaubnis.

Anfang 2025 konnte die Schule dank einer einmaligen Grossspende aus dem Jahr 2024 ein eigenes Grundstück in San Miguel Dueñas beziehen, ein wichtiger Meilenstein für die Stabilität und Weiterentwicklung des Projekts. Das Gelände bietet Platz für den Schulunterricht, Speziallektionen sowie einen Schulgarten für den Gartenbauunterricht. Eine schuleigene Trinkwasseraufbereitungsanlage ergänzt das Angebot. Heute zählt Vida Guatemala über 120 Schülerinnen und Schüler vom Kindergarten bis zur Sekundarschule. Ein Viertel von ihnen lebt mit einer Behinderung. Der Lehrplan geht über die Standards öffentlicher Schulen hinaus: Neben den staatlich vorgeschriebenen Fächern erhalten die Schülerinnen und Schüler Unterricht in Kochen, Gartenbau, Englisch und Informatik. Ein besonderes Augenmerk gilt der beruflichen Eingliederung von Jugendlichen mit Behinderung, die nach der Schulzeit möglichst eigenständig leben sollen.

Erfolge und Herausforderungen

Vida Guatemala hat sich in der Gemeinde als verlässliche und geschätzte Bildungsinstitution etabliert. Die inklusive Schule geniesst in San Miguel Dueñas einen ausgezeichneten Ruf. Heute entscheiden sich auch Familien ohne Kinder mit Behinderung bewusst für Vida Guatemala, weil sie dort kleine Klassen, individuelle Betreuung und ein praxisnahes Bildungsangebot schätzen. Die Anwesenheit von Kindern mit und ohne Behinderung aus verschiedenen sozialen Schichten baut soziale Barrieren ab und schafft ein starkes Gemeinschaftsgefühl. Die Nachfrage nach Schulplätzen ist hoch, im Kindergarten und in einigen Primarschulstufen gibt es bereits Wartelisten. Besonders bemerkenswert ist, dass mehrere Absolventinnen und Absolventen mit Behinderung erfolgreich einen Weg in die Arbeitswelt gefunden haben.

Eine zentrale Herausforderung bleibt die finanzielle und organisatorische Stabilität. Die Schule verfügt über eine vergleichsweise gut diversifizierte Einkommensbasis: Schulgebühren bilden eine wichtige Grundlage; die Gemeinde San Miguel Dueñas übernimmt 25 Stipendien für Kinder mit Behinderung; eine von Freiwilligen getragene Organisation in den USA sammelt Spendengelder; und aus dem Schulgarten werden Weihnachtssterne verkauft, um zusätzliche Einnahmen zu erzielen. Dennoch reichten die verfügbaren Mittel lange nicht aus, um dem Lehrpersonal faire Löhne zu bezahlen, was zu häufigen Wechseln im Lehrkörper führte und den Schulleiter zwang, einen Grossteil seiner Zeit in die Personalsuche und den laufenden Betrieb zu investieren. Eine Stabilisierung des Lehrkörpers würde ihn entlasten und den Raum schaffen, Verantwortung auf weitere Personen zu verteilen, sodass die Handlungsfähigkeit der Organisation langfristig auf einem breiteren Fundament ruht.

Ziele

Bis zu 150 Kinder und Jugendliche – ein Viertel davon mit einer Behinderung – erhalten Zugang zu einem qualitativ guten, staatlich anerkannten Bildungsangebot vom Kindergarten bis zur Sekundarschule.

Durch praxisnahe Fächer, individuelle Förderung und Begleitung beim Berufseinstieg werden die Schülerinnen und Schüler auf das Leben nach der Schule vorbereitet.

Der Lehrkörper wird durch faire Entlohnung und Weiterbildungen in Sonderpädagogik gestärkt und stabilisiert.

Die finanzielle Eigenständigkeit der Schule wird ausgebaut und die Projektorganisation durch Verteilung der Verantwortung auf mehrere Personen gestärkt.

Unterstützung durch den EEF

Der EEF wurde 2024 auf Vida Guatemala aufmerksam und besuchte das Projekt seither mehrmals vor Ort. Die Qualität des inklusiven Ansatzes, das Engagement der Projektleitung und die spürbare Wirkung auf die Schülerinnen und Schüler hinterliessen einen starken Eindruck. Im Frühjahr 2025 erörterte der EEF-Vorstand gemeinsam mit der Projektleitung die Inhalte und Schwerpunkte einer möglichen Zusammenarbeit und legte gemeinsame Ziele fest.

Seit Oktober 2025 unterstützt der EEF Vida Guatemala bei der Finanzierung des laufenden Betriebs und der Unterrichtsmaterialien, der Löhne des Lehrpersonals sowie der Stipendien für Schülerinnen und Schüler aus den ärmsten Verhältnissen. Mit seinem Beitrag will der EEF dem Projekt Sicherheit im täglichen Schulbetrieb und mehr Stabilität im Lehrkörper geben. Darüber hinaus bringt der EEF seine Erfahrung in den Bereichen Organisationsentwicklung, Finanzen und Berichterstattung ein und unterstützt die Projektleitung dabei, die Schule langfristig auf solide Grundlagen zu stellen.

Guatemala

Bevölkerungszahl

18,2 Millionen Einwohner (2024)

Fläche

108’889 km²
(fast dreimal die Fläche der Schweiz)

BIP pro Kopf

CHF 12’700.– (2026, kaufkraftbereinigt)

EEF-Karte Vida Guatemala

Preise in San Miguel Dueñas (Stand April 2026)

  • 1 Liter Benzin:
    CHF 1.10
  • 1 Liter Milch:
    CHF 1.60
  • 1 Liter Coca-Cola:
    CHF –.80
  • 1 Kilo Brot:
    CHF 5.–
  • 1 Kilo Reis:
    CHF 1.50
  • 1 Kinobillett:
    CHF –.50 (Fussballübertragung in einer Bar. Ein Kino gibt es nicht)
  • 1 Paket Zigaretten:
    CHF 2.–
  • 1 Stück Seife
    CHF –.25

Quellen:
OpenFactBook, Weltbank, International Disability Alliance, UNDP Human Development Reports, Angaben von Oscar Daniel Chan, eigene Gestaltung und eigene Berechnungen.